KI verändert die Spielregeln. Entscheiden Frauen mit?

Nov 01, 2026
2TOP monthly Insights November 2026: Wer gestaltet KI im Unternehmen mit? Porträt von Dr. Lisa Precht, IBM

„Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“ (Joseph Beuys zugeschrieben)

Mit diesem Gestaltungswillen beschäftigen wir uns bei 2TOP mit KI: in unseren eigenen Abläufen, in unseren Angeboten und in der Auseinandersetzung mit der Wissenschaft. Uns leitet die Frage, wie wir ihre Möglichkeiten wirksam nutzen und ihre Entwicklung mitgestalten können.

Und genau hier wird es für uns Frauen interessant.

Denn KI verändert, wie wir arbeiten, welche Kompetenzen künftig zählen und wie Entscheidungen über Karrieren getroffen werden. Darin liegt eine Chance: Wir können unsere Erfahrung einbringen, neue Verantwortung übernehmen und die Spielregeln mitgestalten.

Deshalb eine Frage inbesondere an euch Frauen, die ihr heute bereits Verantwortung tragt: Wo gestaltet ihr die KI-Zukunft eures Unternehmens mit - und wie könnt ihr euren Einfluss noch stärker nutzen?

Bei 2TOP sind wir überzeugt: Die KI-Transformation bietet eine große Chance, wirtschaftlichen Nutzen und Chancengerechtigkeit gemeinsam voranzubringen. Dafür braucht es Frauen, die mitentscheiden, und Unternehmen, die ihnen Zugang und Gestaltungsspielräume eröffnen.

Impulse dafür findet ihr in dieser Ausgabe: im Gespräch mit Dr. Lisa Precht über Beteiligung bei KI-Entscheidungen, in unserem White Paper zur wirksamen Umsetzung und im Brain Snack mit Dr. Felix von Held über Führung im Wandel. 


Dr. Lisa Precht

Im Gespräch mit Dr. Lisa Precht

Head of AI DACH, IBM

Die Psychologin verbindet Erfahrungen aus Forschung und Industrie mit der Frage, wie Technologie Menschen wirksam unterstützen kann. Bei IBM treibt sie die KI-Strategie bereichsübergreifend voran. Hier liest du das vollständige Interview.

Du treibst bei IBM die KI-Strategie für DACH bereichsübergreifend voran. Wenn eine Organisation heute über KI entscheidet - wer sitzt da tatsächlich am Tisch, und wer fehlt regelmäßig?

Häufig entscheiden zunächst Geschäftsführung, Fachbereiche und IT über KI, teilweise noch bevor der konkrete Einsatzzweck klar definiert ist. Wer dabei oft fehlt, sind die Menschen, die später tatsächlich mit der KI arbeiten oder von ihren Entscheidungen betroffen sind. Ihre Perspektive ist entscheidend, um früh zu verstehen, wo KI sinnvoll unterstützen und im Arbeitsalltag konkreten Nutzen schaffen kann.

Was ist die häufigste Fehlannahme, mit der Führungskräfte in ein KI-Vorhaben gehen?

Viele KI-Vorhaben starten mit der Frage, welches Tool eingesetzt werden soll. Die wichtigere Frage lautet aber: Was wollen wir eigentlich verbessern und wie entsteht daraus wirtschaftlicher Nutzen? Dafür müssen zunächst Ziele, Prozesse und Anforderungen verstanden werden. Nur so lässt sich für jeden Prozessschritt die richtige Kombination aus KI, Automatisierung und bestehenden Technologien finden. Andernfalls entstehen zwar technisch interessante Lösungen, aber selten Anwendungen, die messbar zum Umsatz oder zur Kostensenkung beitragen. Genau deshalb erzielen viele KI-Projekte noch keinen klaren ROI.

Eine deutsche Studie von IAB und Initiative D21 zeigt: Die Nutzungslücke zwischen Frauen und Männern ist bei höherer Bildung und höherem Einkommen größer, nicht kleiner. Bloßer Zugang zu Technik vergrößert sie sogar. Deckt sich das mit dem, was du in Organisationen siehst?

In meinen Projekten sind mir bislang keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei der KI-Nutzung begegnet. Ich sehe aber sehr wohl, dass Unternehmen häufig KI-Tools bereitstellen, ohne sie mit einem angemessenen Enablement zu verbinden. Dann profitieren vor allem diejenigen, die bereits technikaffin sind, sich Anwendungsfälle selbst erschließen und wissen, wie sie gute Prompts formulieren.

Für mich macht es deshalb einen großen Unterschied, wie KI eingeführt wird: Wird sie in Fachprozesse integriert und über eine intuitive Benutzeroberfläche zugänglich gemacht? Oder stellt man lediglich ein Produkt bereit, bei dem die Nutzenden für jede Aufgabe selbst den richtigen Prompt finden müssen und zugleich mit einer nicht optimalen Datenbasis arbeiten? Bloßer Zugang reicht nicht. Idealerweise bringen Unternehmen konkrete Anwendungsfälle, geeignete Daten und praxisnahes Enablement zusammen, damit KI von allen wirksam genutzt werden kann.

Dieselbe Studie findet: Wo Betriebe KI aktiv implementieren und Weiterbildung finanzieren, verschwindet die Lücke fast vollständig. Was machen diese Organisationen anders als die, die KI einfach zur Verfügung stellen?

Sie überlassen die Einführung nicht allein den einzelnen Beschäftigten. Stattdessen definieren sie sinnvolle Einsatzmöglichkeiten, bauen Kompetenzen auf und begleiten die ersten Schritte in der Praxis. Dadurch wird KI Teil der täglichen Arbeit und nicht nur ein zusätzliches Tool, dessen Nutzen jeder für sich selbst herausfinden muss. Erfolgreiche Unternehmen arbeiten dabei häufig auch mit externen Partnern wie IBM zusammen. Sie analysieren Prozesse kollaborativ, beziehen die Mitarbeitenden frühzeitig ein, identifizieren die optimale Form der KI-Unterstützung und verbinden die Umsetzung direkt mit den passenden Trainings.

Du bist Psychologin, hast über kognitive Ablenkung promoviert und leitest heute KI-Strategie bei IBM. An welcher Stelle hat sich entschieden, dass dieser Weg möglich war - und was hätte ihn verhindert?

Entscheidend war für mich die Bereitschaft, immer weiterzulernen, neue Herausforderungen zu suchen und meinen Blick kontinuierlich zu erweitern. Mein Weg in die KI-Strategie war eine schrittweise Entwicklung: von der Forschung über Siemens, Airbus Group und BMW bis zu meiner heutigen Rolle bei IBM. Der rote Faden war dabei immer die Frage, wie Menschen Informationen verarbeiten, mit Technologie interagieren und wie Technologie gestaltet sein muss, damit sie wirklich unterstützt. Möglich war dieser Weg nur, weil ich bereit war, Vertrautes immer wieder hinter mir zu lassen und mich in neue Themen einzuarbeiten.

Was trägt eine psychologische Ausbildung zu KI-Entscheidungen bei, das eine technische nicht liefert?

Meine psychologische Ausbildung hilft mir, Kundenanforderungen differenziert zu analysieren und einzuordnen. Dabei betrachte ich nicht nur, was technisch machbar ist, sondern auch, wie Menschen Entscheidungen treffen, wie sie mit einer Lösung interagieren und was ein Prozess tatsächlich erfordert. Hinzu kommen unternehmerische Anforderungen wie Souveränität, Kosteneffizienz, Sicherheit oder Kontrolle. Diese Perspektive hilft mir, unterschiedliche Bedürfnisse zusammenzuführen und gemeinsam mit den technischen Teams eine KI-Lösung zu entwickeln, die zum Unternehmen, zum Prozess und zu den Nutzern passt.

Du sagst, die Gefahr der Superintelligenz gehöre ins Reich der Mythen, die realen Risiken lägen in Fehlinterpretation und Missbrauch. Warum ist diese Unterscheidung für Führungskräfte praktisch wichtig?

Die Unterscheidung ist wichtig, weil Führungskräfte ihre Aufmerksamkeit sonst auf ein abstraktes und unrealistisches Zukunftsszenario richten, während die konkreten Risiken bereits heute in ihren Prozessen entstehen. Dazu gehören falsche oder irreführende Ergebnisse, ungeeignete Daten, fehlende Kontrolle, lock-in, Kostenexplosionen und der bewusste Missbrauch von KI.

Für Führungskräfte heißt das: Sie müssen nicht über eine hypothetische Superintelligenz entscheiden, sondern über klare Anwendungsfälle, Verantwortlichkeiten, Kontrolle, kontinuierliche Überwachung, sowie technische Flexibilität, Datenhoheit und Zukunftssicherheit. So wird aus einer allgemeinen Debatte eine konkrete Managementaufgabe: Wie setzen wir KI souverän und skalierbar ein? Wo darf KI unterstützen, wo muss ein Mensch entscheiden und wie erkennen wir, wenn etwas nicht wie vorgesehen funktioniert?

Deutschland ist bei Frauen in KI-Fachrollen europäisches Schlusslicht. Wenn das so bleibt - was genau wird dann in den nächsten Jahren ohne diese Perspektiven entschieden?

Dann werden zentrale Entscheidungen über KI ohne ausreichend vielfältige Perspektiven getroffen: Welche Probleme überhaupt gelöst werden, welche Daten einfließen, für wen Systeme gestaltet werden und welche Fehler als akzeptabel gelten. Das bedeutet nicht, dass Frauen automatisch anders entscheiden. Aber homogene Teams übersehen eher Nutzungskontexte, Risiken und Bedürfnisse, die in ihrer eigenen Erfahrung weniger sichtbar sind. So besteht die Gefahr, dass KI bestehende Muster fortschreibt, statt bessere Lösungen für die gesamte Gesellschaft zu schaffen. Angesichts der derzeit geringen Repräsentation von Frauen in europäischen Tech- und KI-Rollen ist das nicht nur eine Frage der Teilhabe, sondern auch der Qualität und wirtschaftlichen Relevanz der entwickelten Lösungen.

Eine Führungskraft liest das und will nicht warten, bis ihre Organisation ein Programm aufsetzt. Was ist ihr nächster Schritt?

Der nächste Schritt ist, im eigenen Verantwortungsbereich bewusst unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen. Das kann zum Beispiel konkret bedeuten, Frauen bewusst aktiv in die Auswahl, Gestaltung und Erprobung von KI-Anwendungen einzubinden. Gleichzeitig sollte die Führungskraft einen konkreten Anwendungsfall auswählen und allen Beteiligten die Möglichkeit geben, die notwendige KI-Kompetenz aufzubauen. Dafür braucht es kein großes Programm. Es beginnt mit der bewussten Entscheidung, wer mit am Tisch sitzt und wer Zugang zu Wissen, Anwendung und Verantwortung erhält.

Deine drei besten Tipps für die 2TOP Community?

1. Nutzt KI aktiv, nicht erst, wenn ihr euch vollständig vorbereitet fühlt. Beginnt mit konkreten Aufgaben aus eurem Alltag und baut durch die praktische Anwendung Schritt für Schritt Kompetenz auf. Es gibt heute viele kostenlose Möglichkeiten, mehr über KI und Best Practices zu lernen, zum Beispiel über Expertinnen und Experten in sozialen Medien.

2. Bringt eure Perspektive bewusst ein. Fragt bei KI-Entscheidungen nicht nur, was technisch möglich ist, sondern auch, für wen die Lösung entwickelt wird, welches Problem sie löst und welche Auswirkungen sie auf Menschen und Prozesse hat.

3. Macht eure Kompetenz und eure Ergebnisse sichtbar. Teilt Erfahrungen, nutzt euer Netzwerk und übernehmt Verantwortung für KI-Themen. Wer die Entwicklung aktiv mitgestaltet, beeinflusst auch, wie KI künftig eingesetzt wird.


Das sagt die Wissenschaft

Wer KI gestaltet, prägt, wie sie bewertet

Frag eine KI, welches Gehalt du verhandeln solltest. Macht es einen Unterschied, ob du eine Frau oder ein Mann bist?

Ein US-Forschungsteam (Born, Curhan und Bowles) hat das mit vier führenden Sprachmodellen untersucht. Bei sonst gleichen Profilen empfahlen die Modelle Frauen niedrigere Gehaltsziele. Auch die Verhandlungsthemen unterschieden sich: Für Frauen standen häufiger Flexibilität und Betreuung im Vordergrund, für Männer Vergütung und Aufstieg. Solche Muster werden durch systematische Vergleiche sichtbar.

Ähnliches zeigt das Working Paper von Emilio J. Castilla (MIT): KI-Agenten vergaben Frauen bei gleicher Leistung geringere Boni. Andere Studien finden jedoch auch das Gegenteil. KI ist also nicht von sich aus für oder gegen Frauen. Sie übernimmt Muster, und jemand muss sie prüfen.

Wie viel das bewirkt, zeigt Castillas frühere Forschung: In einem Unternehmen verschwanden Unterschiede bei Gehaltsentscheidungen weitgehend, sobald die Ergebnisse sichtbar wurden und Führungskräfte ihre Entscheidungen begründen mussten.

Unsere Einordnung

Wer KI gestaltet, kann auch die Maßstäbe für gute Entscheidungen weiterentwickeln: Welche Kriterien zählen? Wie werden Ergebnisse geprüft? Wer trägt Verantwortung? Frauen in Führung können ihre Erfahrung einbringen und diese Regeln mitschreiben. Unternehmen eröffnen dafür Gestaltungsspielräume - durch Kompetenzaufbau, Zugang zu KI-Projekten und echte Mitentscheidung.

Quellen: Born, Curhan & Bowles (2026), SSRN Working Paper 7550661; Castilla, Working Paper, vorgestellt auf der AI@Strategy, TUM, Oktober 2026; Castilla (2015), Organization Science; Harvard Business School AI Institute (2026).

 


Titelseite des 2TOP White Papers „KI wirksam verankern

Von KI-Nutzung zu messbarem Mehrwert

Wer KI mitgestaltet, prägt die Arbeit und Führung von morgen. In unserem White Paper „KI wirksam verankern“ zeigen wir, warum Chancengerechtigkeit eine Qualitätsdimension der KI-Einführung ist. 

In unserem White Paper „KI wirksam verankern" zeigen wir, wie Führungskräfte diese Fragen strukturiert bearbeiten können. Das White Paper kannst du HIER anfordern.

Du möchtest den nächsten Schritt gemeinsam im Führungskreis gehen? In unserem Executive Integration Lab „Scaling AI Impact“ arbeiten bis zu 30 Führungskräfte zwei Tage an realen Use Cases. Am Ende steht ein Executive Memo mit klaren Entscheidungen. Sprecht uns gerne an 


2TOP Brain Snack - 13. November, 9:00-9:30 Uhr

Robust führen, wenn der Wind dreht

Dr. Felix von Held

Mit Dr. Felix von Held

KI verändert Aufgaben, Zusammenarbeit und Erwartungen an Führung. Wie gibst du Orientierung, während sich die Rahmenbedingungen weiterentwickeln?

 Darüber sprechen wir mit Dr. Felix von Held, Transformationsexperte aus dem 2TOP Netzwerk und Co-Autor von "Robust Leadership - Sicheres Führen in unsicheren Zeiten".

In 30 Minuten geht es darum,

  • wie robuste Führung Teams im Wandel handlungsfähig hält und

  • wie Foresight hilft, mögliche Entwicklungen durch KI zu durchdenken und Entscheidungen vorzubereiten. 

Freitag, 13. November 2026 | 9:00-9:30 Uhr | Online

HIER anmelden.

2TOP monthly Insights

Diese Insights jeden Monat ins Postfach.

Studien, Praxis und Perspektiven zu Führung, Karriere und Chancengerechtigkeit - einmal im Monat, kompakt zusammengefasst.

Insights ins Postfach